Wanderberichte

Unterwegs in den Walliser Alpen
Besteigung von Weissmies und Dom - aufgeschrieben von Manfred Strube

 

Das Matterhorn kennt jeder, aber wer kennt eigentlich den Dom? Ich meine natürlich nicht den Köllner Dom, sondern den höchsten Gipfel der Mischabel-Gruppe in den Walliser Alpen.
Er ist mit seinen 4545 m gleichzeitig der höchste ganz in der Schweiz gelegene Berg und übertrifft in dieser Beziehung das berühmte Matterhorn.
Dieser (auch wegen fehlender Seilbahnen nicht so “überlaufene”) Berg war im Sommer 2005 unser erklärtes Ziel.

 

 

Der Dom - das vorstehende Bild zeigt den oberen Teil der Nordwestflanke - war für uns Hobbybergsteiger ein ziemlich schwerer “Brocken”, was sich nicht zuletzt auch auf die konditionellen Anforderungen bezieht. Aber dazu später.

Am frühen Morgen des 23. Juli 2005 starteten wir unsere Reise in die Schweiz, ins Saas-Tal. Wir waren zu sechst - Beate und Walter Engelhardt, Renate und Michael Thurow sowie Heidi und Manfred Strube - und bezogen für eine Woche Quartier im Hotel Alpenhof in Saas Almagell.
Saas Almagell schien der ideale Ausgangspunkt zu sein für unsere geplanten Wanderungen und Bergtouren, deren erster Höhepunkt eine Besteigung der 4023 m hohen Weissmies sein sollte. Diese Tour sollte gleichzeitig auch der Höhenanpassung für den Dom dienen.

Aber zurück zu unserem Ankunftstag. Eine glückliche Fügung bestand darin, dass im knapp drei Kilometer entfernten Saas Fee zur Zeit gerade das Dorffest stattfand mit viel Fröhlichkeit und Musik, mit Trachten, Fahnen und allem was dazugehört - und insbesondere natürlich auch mit Kaffee, Kuchen, Bratwürsten, Grillhähnchen, Bier, Wein etc. Dieses überraschende “Angebot” zur Gestaltung des ersten Abends nahmen wir natürlich gern an.
Die nachstehenden Bilder zeigen uns beim Aufbruch vom Hotel und vermitteln einen Eindruck von der Atmosphäre auf dem Festplatz.

 

 

 

Die Weissmies-Tour

 

Nachdem wir am ersten Tag nach unserer Ankunft bei halbwegs ordentlichem Wetter eine ausgedehnte Einlauftour u. a. zum Berghaus Plattchen (2418 m) unternommen hatten, stand
einen Tag später dann bereits der Aufstieg zur Almageller Hütte auf dem Programm.
Die Almageller Hütte war Ausgangspunkt für die Weissmies-Tour, die als Überquerung geplant war, d.h. wir wollten auf der anderen Seite des Berges wieder absteigen.

Ziel war dabei zunächst das Berghotel Almageller Alp, das uns mit seiner im Sonnenschein liegenden Terrasse empfing und durch seine “knuddeligen” Zwergschweine beeindruckte (man beachte den Größenvergleich mit dem Huhn).

 

 

Auf der Almageller Alp trennten wir uns von Heidi und Renate, die keine Weissmies-Ambitionen hatten und die Annehmlichkeiten des Hotels bevorzugten.
Beate war diesmal mit von der Partie, für sie sollte es der erste “4000er” werden.

Zu viert stiegen wir also weiter zur Almageller Hütte auf, die auf einer Höhe von 2894 m liegt. Vom Hotel aus hatten wir damit immerhin ca. 1250 Höhenmeter überwunden, was bei der Hitze des Tages und dem Gewicht unserer Rucksäcke (mit der benötigten Ausrüstung inkl. Trinken für 2 Tage kommt man locker auf 10 bis 12 kg) erstmal reichte.

So schmeckte dann auch das vom Hotel mitgebrachte Lunchpaket und mit der Sättigung kam folgerichtig die Müdigkeit. Ob im Sitzen oder im Liegen - wir gönnten uns jedenfalls erstmal eine Runde Schlaf.
Die nachfolgenden Bilder sprechen für sich:

 

 

 

Nachdem wir nun unser Tagesziel erreicht hatten, soll kurz geschildert werden, wie es Heidi und Renate noch ergangen war. Wir gingen natürlich davon aus, dass sie ganz normal wieder nach Saas Almagell abgestiegen waren.
Später erfuhren wir, dass dem nicht so war. Sie hatten nämlich irrtümlicherweise den auch nach Saas Almagell führenden und nur trittsicheren und schwindelfreien Wanderern vorbehaltenen “Erlebnisweg Almagellerhorn” eingeschlagen und sahen sich plötzlich mit drei spektakulären Hängebrücken und anderen klettersteigartigen “Schikanen” konfrontiert.
Wohl oder übel mussten sie da durch - und meisterten das auch bravourös. Auf diese Weise hatten sie an diesem Tage mehr “Action” als wir anderen.

 

 

 

Doch zurück zu unserer Weissmies-Tour:

Der Aufbruch von der Almageller Hütte erfolgte am 26.07.05 frühmorgens gegen 5 Uhr.
Unser Bergführer hieß Peter und war von untersetzter kräftiger Statur.
Der Aufstieg verlief zunächst etwa eine Stunde lang unschwierig über Gras, Geröll und einzelne Schneefelder zum Zwischbergenpass.

Danach erreichten wir einen langen Schneehang, den wir mit Steigeisen bewältigen mussten. Der Schneehang mündete in ein Felsdreieck, das sich nach und nach zu einem Grat verengte. Hier war überwiegend leichte Kletterei gefragt, die richtig Spaß machte.
Allerdings machte sich jetzt auch langsam die Höhe bemerkbar, was sich bei mir durch leichte Kopfschmerzen äußerte. Konditionell waren wir eigentlich ganz “gut drauf“.

Auf einer Höhe von knapp 4000 m erreichten wir dann einen Felskopf, von dem ein teilweise überwächteter Schneegrat zum Gipfel führt.


 

 

Die vorstehenden Bilder vermitteln einen Eindruck von der abwechslungsreichen, aber auch recht anstrengenden Aufstiegsroute. Die beiden unteren Bilder zeigen den erwähnten Schneegrat und unsere letzten Meter zum ganz aus Schnee bestehenden Gipfel der 4023 m hohen Weissmies.

Es war etwa 10 Uhr, als wir auf dem höchsten Punkt angekommen waren und das Wetter war eigentlich ganz gut. Allerdings änderte sich die Sicht von einer Minute zur anderen.
Man musste sich beeilen mit dem Fotografieren, wenn gerade die Sonne durchkam.

Das nachstehende Gipfelfoto drückt die Freude aus über das Erreichen des ersten großen Ziels. Insbesondere bei Beate haben aber auch die Anstrengungen des Aufstiegs im Gesicht ihre Spuren hinterlassen.

 

 

Die gewählte Abstiegsroute war praktisch eine reine Gletschertour. Sie verlief über Grate und Firnhänge und wies einige steilere Abschnitte auf.
Vor allem im unteren Teil mussten wir etliche Spalten überqueren und eine Passage wegen Eisschlaggefahr möglichst schnell hinter uns bringen.

 

 

Ansonsten verlief der Abstieg problemlos und in guter Stimmung. Mittags gegen 12:30 Uhr erreichten wir das 3098 m hoch gelegene Berghaus Hohsaas.

Nachdem wir hier ausgiebig unseren Durst gelöscht hatten (was für ein Genuss!), fuhren wir mit der Seilbahn nach Saas Grund hinunter und von dort weiter mit dem Bus nach Saas Almagell zu unserem Hotel.
Die Benutzung der Seilbahn erfolgte in diesem Fall übrigens ganz bewusst. Im Hinblick auf die bevorstehende Dombesteigung wollten wir Knie und Oberschenkel schonen und uns den langen und eintönigen weiteren Abstieg über rund 1500 Höhenmeter ersparen.
Das Bild zeigt unsere Abstiegsroute (links ganz oben der Weissmies-Gipfel).

 

 

Als wir im Hotel ankamen, waren Heidi und Renate übrigens noch nicht da. Sie hatten eine recht anspruchsvolle Wanderung unternommen und waren gerade auf dem Rückweg nach Saas Fee. Im übrigen waren sie bester Laune, wie das nachstehende Foto zeigt.

 

 

Wir verabredeten uns also in Saas Fee, um den Tag gebührend abzuschließen. Schließlich hatten wir einen “4000er” bestiegen - und Heidi und ich hatten an diesem Tage auch noch unseren Hochzeitstag.
Die Besteigung des “Dom”

Nach der erfolgreichen Weissmies-Tour unternahmen wir am nächsten Tag alle zusammen eine wunderschöne Wanderung zum Stausee Mattmark.
Wir picknickten auf einer mit Blumen übersäten Bergwiese. Die Stimmung war gut, die Landschaft überwältigend und das Wetter war traumhaft…

Ja, das Leben hätte so schön sein können - wenn da nicht bereits das große Ziel im Hinterkopf herumgeisterte, der Dom.

Wir wussten nur zu gut, was da auf uns zukam.
Ausgangspunkt für die Dombesteigung war der Ort Randa (ca. 1400 m). Von dort bis zur Domhütte, die auf einer Höhe von 2940 m liegt, hatten wir also ca. 1500 Höhenmeter zu bewältigen. Das sollte eigentlich nicht das Problem sein.
Aber dann der Gipfeltag! Ein Aufstieg über 1600 Höhenmeter von der Domhütte bis zum Gipfel und anschließend ein Abstieg über rd. 3100 Höhenmeter bis hinunter nach Randa (schließlich wollten wir nicht ein zweites Mal in der Domhütte übernachten).
Außerdem wussten wir, dass der Dom auch von der bergsteigerischen Seite her die bisher höchsten Anforderungen an uns stellen würde.

Jedenfalls waren solche Überlegungen dazu angetan, Zweifel in die eigene Leistungsfähigkeit aufkommen zu lassen, zumal auch unser Bergführer Peter bei der Weissmies-Tour uns nicht gerade Mut gemacht hatte. Er hatte lakonisch bemerkt, dass die Dombesteigung schwerer wäre als zweimal Weissmies hintereinander…!


Kein Wunder also, dass ich kurzzeitig mit dem Gedanken spielte, auf dieses Abenteuer zu verzichten. Schließlich war ich mit 64 Jahren mit Abstand der Älteste.
Aber bald verwarf ich diesen Gedanken wieder. Es gab auch positive Überlegungen. Im Unterschied zur Weissmies-Überquerung würden wir diesmal nämlich einen deutlich leichteren Rucksack haben (wir konnten ja alles, was nicht unbedingt am Berg nötig war, auf der Hütte lassen). Und wir waren mittlerweile besser an die Höhe angepasst.

Also machten wir drei Männer uns am 28.07.05 nach einem guten Frühstück und in bester Laune auf den Weg ins Nachbartal nach Randa (siehe nachstehendes Foto).

 

 

Beate hatte sich von Anfang an entschieden, auf den Dom zu verzichten. Ihr reichte erstmal der Erfolg an der Weissmies.

In Randa ging es durch enge Gassen gleich steil aufwärts. Die Rucksäcke waren beim Hüttenaufstieg wieder schwer und es war ein ziemlich heißer Sommertag. Ein Wegweiser kündigte die Domhütte mit 4 ½ Stunden an.
Wir hatten keinen Grund, uns sonderlich zu beeilen. Trotzdem schafften wir den Aufstieg, der durch Wald, über Grasbänder und im oberen Teil über eine hohe Felsstufe verlief, einschließlich Pausen, in nur 4 Stunden - ein gutes Omen.

Als wir über der Baumgrenze waren, sahen wir das Matterhorn im leichten Dunst vor uns liegen. Wesentlich beeindruckender war aus unserer Perspektive allerdings das Weisshorn. Mit seinen 4506 m ist es fast genau so hoch wie der Dom und es lag in unmittelbarer Nähe.

Auf der Domhütte hieß es erst einmal, die verschwitzten Sachen zu trocknen. Das ging uns übrigens nicht allein so. Und nach und nach war jedes halbwegs geeignete Fleckchen mit “dampfenden” Socken, Schuhen, T-Shirts etc. belegt.

 

 

 

Die vorstehenden Bilder zeigen uns beim Aufstieg und auf der recht schmucken und soliden Domhütte.
Das rechte untere Bild zeigt Walter im “Waschraum” der Hütte. Dieses Becken mit dem dünnen Wasserstrahl war der einzige Ort für die Körperhygiene vom Zähneputzen bis zur Ganzkörperwaschung (wer`s braucht !). Dahinter sieht man die Toilettenanlage.

Allzu viel Platz gab es in der Hütte allerdings nicht. Sie hat 75 Plätze und war bei dem schönen Wetter offensichtlich restlos ausgebucht. Das uns zugewiesene “Eckchen” auf dem Lager war nur bei enger “Tuchfühlung” für 3 Mann ausreichend.
Die Hüttenwirtin war (im Gegensatz zu ihrem eher mürrisch wirkenden Mann) eine sehr umgängliche, humorvolle und mütterliche Person. Sie erledigte mit uns die erforderlichen Formalitäten und nannte uns auch den Namen unseres Bergführers.
Er hieß Gianni Mazzone (von allen nur “Mazzone“ genannt) und war offenbar eine geachtete und respektierte Persönlichkeit.

Mazzone bat uns nach dem Abendessen vor die Hütte zum Rucksackpacken. Wir waren anfangs etwas irritiert, fühlten uns schließlich als “Alte Hasen” mit entsprechender Erfahrung. Bald merkten wir aber doch, dass Mazzone in seiner beruhigend besonnenen Art auch für uns noch ein paar wichtige Tipps parat hatte.
Bezüglich der Anzugsordnung schärfte er uns ein: Ihr müsst leicht frieren, wenn wir in der Nacht losgehen. Da es gleich steil bergan geht, kommt ihr sonst schnell ins Schwitzen. Er gab uns auch den Tipp, den Klettergurt beim Aufbruch gleich noch in der Hütte anzulegen. Das ist einfacher als später auf dem Gletscher (wenn wir ihn brauchen), da dann noch völlige Dunkelheit herrscht.

Dank Mazzones guter Vorarbeit waren wir eine der ersten Seilschaften, die am Morgen kurz vor 3 Uhr aufbrachen. Langsam und gleichmäßig stiegen wir im Schein der Stirnlampen über den mit Steinschutt bedeckten Felspfad aufwärts zum Festigletscher.

Auf dem Gletscher ging es angeseilt und mit Steigeisen weiter. Es war nicht besonders kalt und die Spur war relativ weich. Aber Angst vor den Spalten brauchten wir um diese Zeit nicht zu haben, da die Schneebrücken erfahrungsgemäß noch fest sind.

 

 

Die Aufstiegsroute (siehe Bild) verläuft von rechts unten über den kleinen Eisbruch zum Festijoch (eine etwa 20 m hohe Felsbarriere). Danach geht es (zunächst leicht abfallend und von Seracs bedroht) weiter über den Hohberggletscher in Richtung auf das Nadelhorn.
Dann macht die Route einen Schwenk nach rechts und erreicht die Gletscherhänge des Dom.
Im unteren Teil der Route bis zum Festijoch, das wir noch in völliger Dunkelheit erreichten, gab es keine besonderen Schwierigkeiten. Mir ist nur ein kurzer aber ziemlich steiler Eishang im Gedächtnis geblieben, den wir schräg aufwärts über kleine “Stufen” bewältigten und bei dem man sich keinerlei Unsicherheit erlauben durfte.

Beim Überklettern des Festijochs hatten wir die Steigeisen abgelegt. Die Kletterei war technisch nicht besonders schwierig (II. Grad). Mazzone forderte uns aber zu größter Vorsicht auf, da wegen einiger loser Platten Steinschlaggefahr bestand und sowohl über als auch unter uns geklettert wurde. Auf Helme hatten wir bei der Dombesteigung übrigens verzichtet - eine zumindest fragwürdige Entscheidung.

Nachdem wir das Festijoch überwunden hatten, wurden die Steigeisen wieder angeschnallt. Mazzone mahnte zur Eile und wir benutzten die Gelegenheit, nebenbei schnell einen Müsliriegel, ein Stück Schokolade bzw. ein paar Nüsse zu essen. Mit Flüssigkeit konnten wir uns ja über das Trinksystem “in der Bewegung” versorgen.


Fast im Laufschritt passierten wir die durch Eistrümmer bedrohte Seraczone und stiegen dann wieder gleichmäßig aufwärts über den Hohberggletscher.

Es war mittlerweile hell geworden und vor uns lag nun der schwerste Teil der Tour.
Der rund 700 Höhenmeter umfassende steile Gipfelaufbau des Dom (siehe Bild unten) würde uns alles abverlangen. Mazzone “verordnete” uns diesmal sogar eine kurze Rast und forderte uns auf, etwas zu essen und zu trinken. “Sonst kommt ihr da nicht hoch”, waren seine Worte.

Mit zunehmender Höhe war es auch stürmischer und kälter geworden und wir hatten mittlerweile alles angezogen was im Rucksack war.

 

 

Langsam aber stetig stiegen wir aufwärts. Sauberes und konzentriertes Steigeisengehen war gefragt, denn die Flanke war an einigen Stellen verdammt steil. Und sie schien kein Ende zu nehmen.
Einmal erlaubte ich mir einen kurzen Blick zum Nadelhorn (4327 m), das wir ein Jahr zuvor bestiegen hatten. Es war demotivierend, wie hoch dessen Gipfel noch über uns war.
Also - nur nicht nach oben schauen und immer weiter, weiter, weiter. Längst war der Punkt erreicht, wo man sich schinden, sich quälen und seine Reserven mobilisieren musste.
Aber natürlich dachte niemand von uns auch nur eine Sekunde ans Aufgeben. Wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits ganz sicher, dass wir den Gipfel erreichen würden.

Und Mazzone kannte kein Erbarmen. Er konnte unsere Leistungsfähigkeit offenbar ganz gut einschätzen und trieb uns weiter und weiter. Er ignorierte auch Walters verzweifelten Ruf nach einer kurzen Pause (“Ich muss was essen…”) mit den (stark untertriebenen) Worten, es sind ja nur noch ein “paar Meter“.

Doch dann kam endlich die Erlösung. Wir erreichten den Sattel zwischen westlichem Vor- und Hauptgipfel. Wir legten unsere Rucksäcke ab und sicherten sie vor dem starkböigen Wind mit den in den Schnee gerammten Stöcken.

Nur mit dem Eispickel in der Hand und von dem nahen Gipfel beflügelt, bewältigten wir den letzten Grataufschwung. Gegen 8:30 Uhr - ca. 5 ½ Stunden nach dem Aufbruch - waren wir oben. Wir waren echt happy, beinahe euphorisch.

 

 

Das Foto drückt es wohl deutlich aus. Keine Spur mehr von der Anstrengung, wir hatten es geschafft - am 29. Juli 2005 standen wir auf dem 4545 m hohen Domgipfel.
Sogar das Matterhorn sah von hier oben relativ “klein” aus (man sieht es auf dem Bild auf der vorigen Seite ganz rechts). Die Sicht, das Panorama - es war traumhaft.

Der einzige “Spielverderber” war Mazzone. Er drängte schon wieder - für uns zu diesem Zeitpunkt unerklärlich - zur Eile. Erst später - als wir fast wieder unten bei der Domhütte waren - verriet er uns die Gründe dafür. Es waren die (nur ihm bekannten) aktuellen Wetterprognosen.
Der Dom ist berüchtigt wegen seiner gefährlichen Höhenstürme - und wir bekamen offenbar gerade einen kleinen Vorgeschmack davon. Und außerdem war für die Mittagstunden ein Gewitter angesagt.

Also ging es - für unseren Geschmack viel zu schnell - wieder runter auf den Sattel.
Wir nahmen unsere Rucksäcke auf, warfen noch einen Blick in die Runde und formierten uns für den Abstieg - Michael an der Spitze, dann Walter, dann ich und am Schluss Mazzone.

Der Abstieg über die bis 40° steilen Gletscherhänge erforderte höchste Konzentration. Wenn da einer stürzt, kann das für die gesamte Seilschaft gefährlich werden. Uns kam entgegen, dass der Wind von vorn kam. Er hatte uns beim Aufstieg schon etwas “geschoben”, jetzt bremste er erfreulicherweise beim Abstieg. Er war mittlerweile so stark, dass die Seilverbindungen zwischen uns als Bögen waagerecht in der Luft “standen”.

Im flacheren Teil des Hohberggletschers konnten wir uns entspannter bewegen und kamen schnell vorwärts. Dann kam die Seraczone mit dem leichten Gegenanstieg. Obwohl wir versuchten, den drohenden Eisschlagbereich möglichst schnell hinter uns zu bringen, war da natürlich mit “Laufschritt” oder so nichts mehr drin. Man spürte einfach die Anstrengungen der mittlerweile vergangenen rund 7 Stunden.

Das Abklettern über das Festijoch bereitete uns eigentlich keine Probleme. Mazzone war hier jedoch äußerst engagiert, er führte uns mit größter Umsicht. Für ihn war es mit der schwerste Teil seines Jobs, im Fels drei Leute gleichzeitig zu sichern. Er sagte uns später, wie froh er war, dass wir uns der Aufgabe gewachsen zeigten.

Kurz bevor wir wieder auf dem Gletscher standen - also noch im Felsbereich - legten wir die Steigeisen wieder an. Dabei kam es beinahe zu einem Zwischenfall. Ich stand ein bisschen ungünstig und ließ es wohl auch an der erforderlichen Konzentration fehlen. Jedenfalls kam ich aus dem Gleichgewicht, fand an den glatten Felsplatten keinen Halt und drohte auf den Gletscher zu stürzen. Mazzone erkannte die Situation blitzartig und brachte mich mit einem kräftigen Ruck am Seil wieder zum Stehen.

Für mich war das ein Warnsignal, trotz verständlicher Ermüdungserscheinungen nicht leichtfertig zu werden. Schließlich waren wir noch nicht “auf sicherem Boden”.
Auch der Festigletscher erforderte unsere ganze Aufmerksamkeit. Vor allem gab es eine Menge Spalten, die jetzt - am späten Vormittag - nicht mehr so sicher zu passieren waren wie in der Nacht.

Mazzone kannte die gefährlichen Stellen genau. Er erkundete und prüfte die Festigkeit der Schneebrücken, suchte Umgehungen wo es möglich war und ging manchmal sogar vorsichtig tastend voran, wobei wir auf sorgfältige Sicherung bedacht waren.
Es ging alles gut, auch wenn Walter auf einer Schneebrücke einmal mit seinem Stock “ins Leere” stieß - ein Zeichen, wie groß um diese Tageszeit die Gefahr eines Spaltensturzes war.

Unter leichtem Donnergrollen erreichten wir mittags gegen 12 Uhr die Domhütte.
Das angesagte Gewitter hatte einen etwas anderen Verlauf genommen und uns nicht direkt berührt (zum Glück). Jetzt hatten wir es wirklich geschafft, jedenfalls was die unmittelbaren Gefahren am Berg angeht. Jetzt stand uns “nur noch” der Abstieg über 1500 Höhenmeter nach Randa bevor.

Aber das störte uns in diesem Moment nicht. In der Domhütte gab es erstmal einen großen Pott Kaffee, dann eine heiße Suppe und dann - natürlich ein richtig großes Bier.
Wir waren 9 Stunden unterwegs gewesen mit ganz kurzen Pausen, die im Wesentlichen nur durch das Anlegen und Abschnallen der Steigeisen bestimmt wurden.
Wir hatten dabei - mehr oder weniger - an unsere körperlichen Leistungsgrenzen gehen müssen. Jetzt brauchten wir erst einmal eine Stunde Erholung.
Dann machten wir uns an den Abstieg nach Randa, der noch mal 3 bis 4 Stunden dauern würde. Irgendwie war die Spannung jetzt raus, wir wollten nur noch “heim”.
Der Weg zog sich und zog sich. Im oberen Teil im Bereich der Felsstufe gab es noch ein bisschen Abwechslung. Aber später trotteten wir nur noch den oft mit “Stufen” durchsetzten Pfad hinunter und meine Knie begannen weh zu tun.
Walter und Michael wollten gern schneller gehen. Besonders Walter war das anhaltende Donnergrollen nicht geheuer und er beschleunigte seinen Schritt - um dann doch immer wieder zu warten. Es hatte auch noch angefangen zu regnen, doch ich konnte einfach nicht schneller. Das Absteigen fiel mir wegen meiner schmerzenden Knie zunehmend schwerer.
Als wir endlich unser Auto errechten, war ich fix und fertig - und doch irgendwie glücklich.

Im Hotel in Saas Almagell wurden wir von unseren Frauen freudig empfangen und umsorgt.
Heidi ließ mir ein Bad ein und machte mir einen doppelten Espresso, den ich kaum halten konnte. Vor Erschöpfung, Kälte und Nässe hatte ich regelrecht Schüttelfrostanfälle.

Dann gingen wir müden Krieger in die Hotelsauna, die unsere Frauen vorsorglich hatten anheizen lassen. Und erstaunlich schnell kehrten die Lebensgeister zurück

 

 

Abends in der Pizzeria ging es uns schon wieder richtig gut !
Am nächsten Tag meldete sich der Muskelkater.
Der extrem lange Abstieg mit seiner spezifischen Belastung hatte doch seine “Spuren” vor allem in den Oberschenkeln hinterlassen.

Trotzdem starteten wir von Saas Fee aus zu einer leichten Tageswanderung zur Hannigalm. Bergauf konnten wir Männer mit unseren Frauen noch ganz gut mithalten. Aber abwärts ernteten wir schadenfrohes Gelächter, wenn wir bei jeder Stufe oder jedem noch so kleinen Gefällestück am Geländer, Gartenzaun oder wo auch immer hingen.

Zum Glück gab es hier eine Seilbahn, die uns Männer später wieder runter ins Dorf brachte.

 

 

Aber erstmal genossen wir den Tag. Wir konnten in der Sonne sitzen, von der Terrasse aus die Murmeltiere beobachten (die dort besonders zutraulich waren) und uns einfach unsres Lebens freuen.

 


Und die der Dombesteigung gewidmete “Gipfelzigarre” - sie gehörte natürlich auch dazu.